Sleepover statt Zwinger
Kurzzeit-Auszeiten
für Tierheimhunde
Schon eine einzige Nacht außerhalb des Tierheims senkt messbar den Stress eines Hundes und kann seine Vermittlungschancen deutlich erhöhen. Das zeigen Studien aus den USA.
Dieser Artikel richtet sich an Tierschutzvereine und Tierheime, die überlegen, solche Auszeiten anzubieten. Er zeigt, was die Forschung sagt, welche Formen es gibt, welche Risiken ihr kennen solltet und wie ein Einstieg gelingen kann.

Warum Stress im Tierheim so ein großes Thema ist?
Ein gestresster Hund zeigt nicht, wer er wirklich ist. Genau das macht Stress nicht nur zu einem Tierschutz-,
sondern auch zu einem Vermittlungsproblem.
Viele Hunde im Tierheim haben gerade alles verloren, was ihnen Sicherheit gab: ihre Menschen, ihr Zuhause, ihre gewohnten Abläufe. Bei Hunden aus dem Auslandstierschutz kommen oft eine lange Reise und mehrere Stationen dazu, jede davon ein weiterer Abschied.
Dazu kommt die Umgebung selbst:
- Bellen und Lärm, oft rund um die Uhr
- ständig wechselnde Menschen und fremde Gerüche
- Oftmals Enge und kaum Rückzugsmöglichkeiten
- weniger Schlaf: Hunde in einem Zuhause ruhen in Studien etwa 14 Stunden am Tag, im Tierheim knapp 11 Stunden am Tag
Dauerhafter Stress zeigt sich sehr unterschiedlich. Manche Hunde drehen sich im Kreis, bellen unaufhörlich oder springen an den Gittern hoch. Andere ziehen sich zurück und wirken apathisch. Interessent:innen sehen dann den Stress, nicht das tatsächliche Wesen des Hundes: Der hektische Hund ist vielleicht eigentlich ein Sofa-Kuschler, der passive Hund in der Ecke ein fröhlicher Spielpartner.
Was die Forschung zeigt ...
Kurze Auszeiten senken den Stress, solange sie dauern, und sie machen Hunde sichtbar.
Beides wurde in den USA in zwei Studien des Teams von Lisa Gunter, Erica Feuerbacher und Clive Wynne untersucht.
Studie 1: Sleepover und Stress (2019)
In fünf Tierheimen in Arizona, Utah, Texas, Montana und Georgia durften Hunde für ein oder zwei Nächte zu Gastfamilien. Während der Übernachtung sank das Stresshormon Cortisol bei allen Hunden. Nach der Rückkehr lag es wieder auf dem Ausgangsniveau. Die Hunde ruhten bei den Gastfamilien deutlich mehr und auch kurz nach der Rückkehr länger als vorher. Die Forschenden vergleichen das mit einem Wochenende Pause von der Arbeit.
Quelle: Lisa M. Gunter, Erica N. Feuerbacher, Rachel J. Gilchrist, Clive D.L. Wynne. Evaluating the effects of a temporary fostering program on shelter dog welfare. PeerJ, 2019. https://peerj.com/articles/6620/
Studie 2: Ausflüge und Kurzzeit-Pflege (2023)
In 51 Tierheimen wurden 1.955 Hunde mit Ausflügen oder Übernachtungen mit knapp 26.000 Hunden ohne solche Angebote verglichen (siehe Tabelle 1).
Das Ergebnis: Die meisten Hunde wurden nicht von ihren Gastfamilien adoptiert, sondern von anderen Menschen. Im Schnitt dauerte es nach dem Ausflug oder der Übernachtung etwa zehn Tage bis zur Adoption.
Die Forschenden vermuten zwei Gründe:
1.) Die Hunde werden in der Nachbarschaft gesehen
2.) Die Gastfamilien können zuverlässiger berichten, wie der Hund sich außerhalb des Tierheims verhält.
Hinweis von uns: Zudem vermuten wir vermuten, dass viele Gastfamilien ihre Pflegehunde in sozialen Medien oder aktiv in ihrem persönlichen Umfeld bekannt machen. Untersucht wurde das in den Studien allerdings nicht.
Quelle: Gunter, L. M., Feuerbacher, E. N. et al.: The Influence of Brief Outing and Temporary Fostering Programs on Shelter Dog Welfare. Animals, 2023, https://doi.org/10.3390/ani13223528

Wichtige Hinweise zur Einordnung der Studien:
- Die Stressentlastung ist vorübergehend. Eine Nacht ersetzt kein Zuhause und keine Pflegestelle.
- Die Zahlen zur Adoptionschance stammen aus Beobachtungsdaten. Es ist möglich, dass Tierheime für Ausflüge eher Hunde auswählen, die ohnehin gute Chancen haben. Die Effekte sind trotzdem groß.
- Die Programme wirkten besser, wenn sich viele Menschen beteiligten und die Tierheime mehr Ressourcen hatten.
- Beide Studien kommen aus den USA. Rahmenbedingungen in Deutschland, etwa Tierheimverträge, Versicherung oder Landeshundegesetze, sind andere.
Formen von kurzen Auszeiten
Nicht jeder Verein muss gleich Übernachtungen anbieten.
Viele Tierheime haben mit Gassigehern schon eine Grundlage, auf der sich aufbauen lässt.

Besonders gut passt eine Wochenend-Auszeit:
Der Hund zieht zum Beispiel von Freitagabend bis Sonntagnachmittag zur Gastfamilie. Das ist ideal für Berufstätige, die sich engagieren möchten, unter der Woche aber keine Zeit haben. Und es entspricht genau den ein bis zwei Nächten, die in der Studie so gut gewirkt haben.
Die naheliegendsten Gastfamilien sind eure Gassigeher:
Sie kennen den Hund, der Hund kennt sie, und das Vertrauen ist schon da. Wenn es bei ihnen zuhause passt, also Wohnsituation, andere Tiere und Mitbewohner mitspielen, ist ein Sleepover der natürliche nächste Schritt. Für den Hund ist eine Nacht bei vertrauten Menschen deutlich entspannter als bei Fremden.
Und wenn schon eine Nacht so viel bewirkt, zeigt das auch, wie wertvoll Pflegestellen sind.
Sie geben Hunden die Chance, zur Ruhe zu kommen und zu zeigen, wer sie sind. Und sie liefern das Wissen, das für eine gute Vermittlung am meisten zählt: Wie verhält sich der Hund in einem Alltagssetting?
Bedenken, die ihr ernst nehmen solltet ...
Auszeiten sind kein Selbstläufer. Sie lohnen sich, wenn die Risiken vorher geklärt sind.
1) Was ihr von euren Gassigeher:innen schon kennt:
Hinweis: Diese Punkte gelten für Gassigeher:innen meist genauso. Wenn ihr für Gassigeher:innen schon gute Regeln habt, könnt ihr sie gleich übernehmen.
- Entlaufen: Ein Hund in fremder Umgebung kann bei einem Schreck in Panik geraten. Besonders Hunde aus dem Auslandstierschutz sind oft schwer wieder einzufangen. Doppelte Sicherung mit Geschirr und Halsband, Schleppleine statt Freilauf und ein GPS-Tracker sollten Standard sein.
- Beißvorfälle und Haftung: Rechtlich bleibt in der Regel das Tierheim oder der Verein Halter des Hundes. Wer den Hund betreut, kann als Tierhüter:in ebenfalls haften. Klärt deshalb mit eurer Versicherung, ob Fremdhüter:innen abgedeckt sind, und haltet die Absprachen schriftlich fest. Bei rechtlichen Unsicherheiten hilft eine Beratung durch Fachleute.
- Gefährlich eingestufte Hunde: Für sogenannte "Listenhunde" gelten je nach Bundesland eigene Regeln, etwa eine Erlaubnis oder ein Sachkundenachweis für die Person, die den Hund führt.
2) Was bei Ausflügen und Übernachtungen neu dazukommt:
- Nicht jeder Hund ist geeignet: Frisch angekommene, sehr ängstliche, kranke Hunde oder Hunde mit bekanntem Aggressionsverhalten sind für den Einstieg meist nicht geeignet. Für sie kann eine fremde Umgebung zusätzlichen Stress bedeuten. Hier sind Ruhe im Tierheim oder eine erfahrene Pflegestelle oft die bessere Wahl.
- Andere Tiere im Haushalt: Leben bei der Gastfamilie andere Hunde, Katzen oder Kleintiere, wird es deutlich anspruchsvoller. Ob der Gasthund mit ihnen verträglich ist, wisst ihr oft nicht sicher. Und auch für die eigenen Tiere bedeutet ein fremder Hund erstmal Stress. Für den Einstieg sind Haushalte ohne andere Tiere oft besser geeignet. Wenn doch, dann lieber nur nach vorherigem Kennenlernen auf neutralem Boden, mit getrennten Räumen, ohne unbeaufsichtigten Kontakt und mit Futter und Spielzeug außer Reichweite.
- Fundtiere sind ausgeschlossen: Bei einem Fundtier hoffen alle, dass es so schnell wie möglich zu seiner Familie zurückkehren kann. Solange die Frist läuft, in der sich die Halter:innen melden können, gehört der Hund ihnen und muss für sie auffindbar bleiben. Auszeiten sind deshalb nur für Hunde sinnvoll, die zur Vermittlung freigegeben sind.
- Die Rückkehr: In der Studie sank der Stress während der Übernachtung und lag danach wieder auf dem Ausgangsniveau, nicht darüber. Trotzdem reagiert jeder Hund anders. Beobachtet die Hunde nach der Rückkehr gut und sprecht im Team ab, wie ihr sie in Empfang nehmt.
- Die Menschen: Auch Gastfamilien binden sich, und der Abschied kann schwerfallen. Klare Erwartungen helfen: Es geht um eine Auszeit für den Hund, nicht um ein Probewohnen. Und es braucht jemanden im Verein, der koordiniert, erreichbar ist und Ehrenamtliche unterstützt.
- Die Ressourcen: Die Forschenden selbst nennen die Programme vergleichsweise günstig, betonen aber, dass sie Geld und vor allem Menschen brauchen. Für kleinere Vereine ist es daher sinnvoll, zunächst mit ein paar Hunden zu starten, die das Sleepover-Konzept ausprobieren dürfen.
Praktische Tipps zum Start
- Fangt klein an: mit wenigen geeigneten Hunden, wenigen vertrauten Gastgebern und Ausflügen statt Übernachtungen.
- Rahmen klären. Versicherung und Regeln (speziell für Listenhunde) prüfen. Eine Person im Verein übernimmt die Koordination.
- Hunde auswählen: Nur Hunde, die zur Vermittlung freigegeben sind, also keine Fundtiere. Am besten mit Hunden beginnen, die schon eine Weile da sind, gesund sind und Menschen gegenüber entspannt. Das Team, das die Hunde täglich erlebt, entscheidet mit.
- Gastfamilien finden und vorbereiten: Erfahrene Gassigeher:innen sind ideale erste Gastfamilien, weil sie die Hunde schon kennen. Ein kurzes Vorgespräch klärt Wohnsituation, andere Tiere, Kinder und Erfahrung. Eine Einweisung zu Körpersprache, Stresssignalen und Sicherung gehört dazu. Vergleichbar mit dem Procedere als Gassigänger:innen.
- Schriftliche Vereinbarung: Dauer, Regeln (zum Beispiel kein Freilauf, kein Besuch, kein Kontakt zu fremden Hunden), Notfallnummer, Tierarzt, Vorgehen bei Problemen.
- Ausstattung mitgeben: Sicheres Geschirr und Halsband, Leine und Schleppleine, GPS-Tracker, Futter, Decke, Notfallkarte mit Kontakten.
- Ruhe statt Programm: Eine Auszeit soll entspannen. Ein ruhiger Spaziergang, ein Nickerchen auf dem Sofa und ein entspannter Abend sind wertvoller als ein Ausflug in die Innenstadt.
- Beobachtungen festhalten: Ein kurzer Rückmeldebogen hilft: Wie hat der Hund geschlafen? Wie hat er auf Geräusche, neue Situationen und gegebenenfalls andere Tiere im Haushalt reagiert? Was mag er, was verunsichert ihn? Ein, zwei Fotos oder Videos im häuslichen Umfeld sind Gold wert.
- Erkenntnisse nutzen: Die Rückmeldungen fließen in das Vermittlungsprofil und in die Beratung von Interessent:innen ein. So entsteht aus der Auszeit ein echter Gewinn für die Vermittlung
Was ihr vorher klären solltet:
Vieles davon kennt ihr schon von euren Gassigeher:innen: Einweisung, schriftliche Vereinbarung, sichere Ausrüstung, eine feste Ansprechperson. Nutzt eure bestehenden Regeln als Grundlage und ergänzt nur, was für Ausflüge und Übernachtungen neu dazukommt, etwa Wohnsituation, Haftung über Nacht und die Rückkehr ins Tierheim.
- Versicherungsschutz für Fremdhüter geklärt
- Nur Hunde, die zur Vermittlung freigegeben sind (keine Fundtiere)
- Landesregeln für Listenhunde geprüft
- Ansprechperson im Verein benannt
- Kriterien für geeignete Hunde festgelegt
- Gastgeber im Vorgespräch kennengelernt und eingewiesen
- Schriftliche Vereinbarung mit Notfallnummern
- Sicherungsausstattung inkl. GPS-Tracker vorhanden
- Andere Tiere im Gasthaushalt geklärt und gegebenenfalls Kennenlernen auf neutralem Boden
- Rückmeldebogen vorbereitet
- Ablauf für die Rückkehr ins Tierheim abgesprochen
Fazit
Kurze Auszeiten sind eine vergleichsweise einfache Möglichkeit, Tierheimhunden Erholung zu schenken und ihre Chancen auf ein passendes Zuhause zu verbessern. Sie ersetzen keine Pflegestelle, können aber ein guter Anfang sein. Gerade für Gassigeher sind sie der natürliche nächste Schritt, und manchmal entsteht daraus eine neue Pflegestelle. Entscheidend ist eine gute Vorbereitung: geeignete Hunde, gut eingewiesene Gastfamilien, geklärte Haftung und eine sichere Ausrüstung.
Bei Pawfect Matches wollen wir Tierschutzvereine in ihrer Vermittlungsarbeit dort unterstützen, wo es gebraucht wird. Wenn ihr überlegt, Ausflüge oder Übernachtungen anzubieten, oder eure Erfahrungen teilen möchtet, sprecht uns gern an.
Und wenn ihr selbst im Tierschutz aktiv seid, freuen wir uns über eure Teilnahme an unserer kurzen Umfrage zur Hundevermittlung.
Sprecht mit uns!
Wir sind für dich da – und wir freuen uns über Austausch, Wünsche, Fragen und dein Feedback.


